Die Schlacht um die fünf Klos

„Suza, bis wir hier eine Karte haben, ist der Film schon halb rum! Oder ist das ‚ne Demo? Wofür? Wogegen? Und wenn, ja, das ist eh schwer zu sagen dieser Tage, oder?“  Verzweifelt stehe ich am Ende der Menschenversammlung, die sich gleichmäßig auf der Fläche zwischen Kinokasse und Eingangstür verteilt hat. Suza nickt. „Und jetzt?“, frage ich unleidlich. „Ab in die Limobar? – Ehrlich, das nevt doch total; da hat man sich was vorgenommen, alles präzise geplant, ist den langen Weg hierhergekommen und dann sowas!“ Suza kramt in ihren Taschen, und dass sie trotz unseres Riesenproblems so unbeteiligt wirkt, macht mich nervös. Als sie endlich gefunden hat, was sie sucht und mir vor die Nase hält, geht es mir etwas besser.„Hab ich schon im Internet bestellt!“, sagt Suza und lächelt mich stolz an. „Gute Freundin!“, lobe ich sie und tätschel ihre Wange. Das hat sie gut gemacht, während ich wohl voll versagt habe in dieser Planungsthematik. Dass wir Karten haben, beruhigt mich zwar, allerdings merke ich, dass meine Nervosität nicht verschwunden ist. Die Menschenmenge erinnert mich daran, warum: ich hasse Menschenmassen. Ich hake mich bei Suza ein, damit sie mich beschützt, als wir uns vorsichtig, ohne jemanden berühren zu müssen, zum Konsumtresen bewegen. Jetzt tätschelt Suza meine Wange. Als wir sehen, dass genauso viele Menschen in den Popcorn-, Limo-, und Nachokaufreihen wie in den Kartenschlangen stehen,  muss ich Suza erneut einen verzweifelten Blick zuwerfen: „Hast du uns auch Popcorn und Bier im Internet bestellt?“ Suza schüttelt lachend den Kopf. Da müssen wir jetzt wohl durch. 32 Minuten später und nachdem der Familienvater vor uns die sich sekündlich ändernden Wünsche seiner vier Kinder, die ihm um die Hüfte wuseln, der völlig gestressten Verkäuferin kund getan und die knapp 40 Euro dafür berappt hat, sind wir dran und beschließen, für jeden von uns direkt zwei Bier zu bestellen. Dann kann es aber losgehen und als wir erleichtert in den Kinosesseln sitzen, stelle ich Suza die Frage, die in diesem Raum, die letzten Minuten vermutlich hundertfach gestellt wurde: „Sag mal, kannst du noch mal kurz zusammenfassen, was in den ersten beiden Teilen passiert ist?“ Suza sieht mich lange an und überlegt. „Das Drache ist wach.“ – „Ah, ja, richtig! Die haben den Drachen aus Versehen geweckt!“ Jetzt bin ich wieder ausreichend  im Bilde und setze mir die 3-D Brille auf. „Ist mit HFR!“, teilt mir Suza mit. „Was ist das?“, frage ich. „Keine Ahnung!“, erwidert Suza und ich wende meinen Kopf wieder zur Leinwand, denn dort ist der Hinweis, nun die Brillen aufzusetzen, wieder verschwunden, da der Film beginnt. Ich stoße mit Suza an und wir genießen nach all dem Freizeitstress den ersten Schluck Bier, während uns die Geschichte erzählt wird, die ich später so zusammenfasse: Die einen haben ein Problem, weil ihnen ein Heer auf die Nase hauen will. Dann kommt ein anderes Heer dazu, was aber nicht ausreicht, weil das gegnerische Heer zu groß ist. Irgendjemand kann aber ein weiteres Heer dazu bewegen, die mit dem Problem zu unterstützen, obwohl sie irgendwie ein bisschen verstritten waren. Dann hauen sich alle Heere sehr eindrucksvoll auf die Nase. Die, für die wir seien sollen, drohen aber trotzdem zu verlieren, als die Adler kommen und alle Probleme lösen. Film fertig. … Dies erklärt, warum der Macher dieses Werkes, seinen Film noch kurzfristig in „Die Schlacht der fünf Heere“ umbenannt hat, es erklärt aber nicht, warum in aller Hobbitwelt sie damals nicht direkt die verfluchten Adler geschickt haben, um den Ring ins Feuer zu werfen!

Als das eine Heer gerade dem anderen auf die Nase haut, ist das Bier fast leer und die Blase voll. Gequält sehe ich Suza an und die wibbelt unruhig auf ihrem Sessel hin und her. Wir haben das gleiche Problem und beschließen, schnell vor dem Showdown austreten zu gehen. Nicht, dass wir am Ende das Entscheidende verpassen und den ganzen Film nicht mehr verstehen. Wir legen die Brillen ab und schleichen robbend aus unserer Reihe, richten uns kurz vor der Tür wieder auf und stoßen diese, das Gelände davor anvisierend, mit einem heftigen Stoß auf. Suza sichert die linke Flanke, ich die rechte, als wir uns durch die Menschenmassen schlagen. Suza haut einer hässlichen Frau auf den Kopf, ich trete einem nörgelnden Mensch mit Hobbitgröße auf den Fuß, die Menschen weichen zurück und geben uns den Weg zum Toilettenanstieg frei. Auf der Treppe stoße ich einen Gnom mit Salafisten-, bzw. Hipsterlook über das Geländer, Suza haut erst ihre Tasche auf eine Frau mit Stöckelschuhen, die dadurch ins Wanken gerät und die Treppe rückwärts herunter kugelt, und benutzt dann den Rücken eines dicken Jungen, um eine Höhe zu erreichen, die es ihr ermöglicht, über gleich zwei Frauen zu springen, die am Ende der Kloschlange stehen. Im Parallelumschwung schwingen wir uns über die Wände der WC-Kabinen, landen mit Telemark und die sich dort drin befindlichen Menschenfrauen, verlassen kreischend das Terrain. Adler sind nirgendwo zu sehen.

Eine Stunde später sitzen wir völlig erschöpft und immer noch nicht ganz wieder in dieser Welt in der Limobar. Ich stelle mir zwar innerlich immer noch die Frage, welches jetzt eigentlich das fünfte Heer war, der Gedanke wird aber durch einen wesentlich prägnanteren überlagert: „Irre!“. Suza nickt. „Das kann auch nur das Kino. Voll die Hirnwäsche!“ Schweigend trinken wir. „Mone, ich muss dir was erzählen.“ Suza sagt aus dem Nichts heraus den Satz, der meinen Puls stets auf die doppelte Frequenz ansteigen lässt und ich antworte freundesgemäß mit den einzigen zwei Sätzen, die nun angebracht sind: „Was hast du angestellt? Was soll ich für dich tun?“ Suza antwortet halb schmunzelnd, halb beschämt: Ich habe mir gestern eine Katze gekauft!“ – „Du hast WAS?“ Ich bin in Schockstarre. „Warum? Du kannst noch nicht mal Blumen! Außer Yucca-Palmen … “ Suza zuckt entschuldigend mit den Schultern: „Ich habe dieses süße Katzenvideo auf Youtube gesehen. Sooo niedlich. Wollt ich auch haben!“ Ich halte meine Reaktion für adäquat, Suza quittiert sie mit einem Aua!: Ich schlage ihr einmal leicht bis mittelfest auf den Hinterkopf und sehe sie böse an.

“Dummes Ding!”, sage ich und Hubert scheint Angst zu haben, dass wir uns gleich auf die Nase hauen. Er schreit herüber: “Mädels?! Jetzt ‘nen Doppelten?” Wir rufen automatisch und wie aus einem Munde zurück: “Nein danke, Hubert! So schlimm ist es noch nicht!”

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