Trübe Tage – Leere Tassen

Suza und ich sitzen uns gegenüber und schweigen. Hubert sitzt am Tisch mit uns und schweigt auch. Als ein paar Gäste den Raum betreten, steht Hubert – kurz nickend – auf und verschwindet hinter der Bar. Wir verharren sitzend, weiterhin stillschweigend und schlürfen unsere Getränke. Dann ergreift Suza das Wort.Sie spricht leise, fast flüsternd: „Man sollte einfach weg.“
„Wohin?“, erwidere ich ebenso leise.
„Ist doch egal. Nur weg.“
Wir schweigen wieder. Wir können sehr gut miteinander schweigen. Manchmal sind es der Worte zu viele oder der Wörter zu wenig. Wenn wir schweigen, können wir niemanden verletzen. Wir sind etwas empfindlich geworden dieser Tage. Aber wer ist das momentan nicht.
„Resilienz“, werfe ich fast zusammenhangslos ein.
„Was soll das sein?“ Suza wird mürrisch. „Ich will weg. Nix Residenz oder wat.“
„Ist Widerstandsfähigkeit. Mit Schicksalsschlägen und all dem anderen traumatischem Gedöns gut umgehen zu können. Das Gegenteil von Verwundbarkeit.“ Ich nicke während ich spreche, als wolle ich dadurch automatisch ihr Verstehen und ihre Zustimmung erlangen. Erlange ich nicht. Suza dreht sich kommentarlos zu Hubert um, um nach neuen Getränken zu fragen, doch der sitzt nun mit seinen neuen Gästen an einem Tisch. Sie schweigen.
Suza will nicht stören und dreht ihre leere Kaffeetasse auf den Kopf, damit Hubert das sieht, falls er zufällig guckt.
Ich versuche es auf anderem Wege: „Was kümmert es die deutsche Eiche, wenn sich ’ne Sau dran schubbert?“ Dabei lächle ich und sehe Suza etwas mitleidig an. Sie kneift die Augen zusammen und spricht: „Darum geht es nicht. Es ist mir egal, was die Menschen mir manchmal sagen. Da kann mich der Bäcker auch ‚Wichser‘ nennen. Ein Affekt, der mehr auf seine als auf meine Unzulänglichkeiten hinweist. Wobei ‚Wichser-Bitch‘ sogar absurderweise freundlicher gewesen wäre, weil es mein Geschlecht nicht verkannt hätte. Nein, das ist es nicht. Es ist alles irgendwie so trüb gerade. Es gibt nichts, auf was ich mich freue. Niemand erzählt was Lustiges, alle haben nur Probleme oder eben auch überhaupt keine mehr, was wiederum dazu führt, dass andere Probleme haben. Probleme auf dem Trauersektor. Was ist denn los mit allen? Ich will hier weg!“
Ich weiß wirklich nicht wie ich helfen kann, also versuche ich es mit praktischem Denken: „Wie? Fliegen? Ja! Vogelfrei.“ Ich ergänze durch das Ansingen von Reinhard Meys größtem Hit. Nun sieht mich Suza sehr böse an: „Du liest schon Zeitung, oder?“ Ich brauche genau den Bruchteil einer Sekunde bevor mir auffällt, was ich getan habe und ich halte schnell peinlich berührt die Hand vor den Mund und murmle ein „Sorry.“ durch meine Finger. Das war wirklich ganz positiv, bestärkend, ernst gemeint. Vielleicht nur ein bisschen zu früh. Aus Gründen. Gründe, die ich sogar ein bisschen nachvollziehen kann. Zumindest mehr als Gründe, ‚Negerlein‘ aus den Kinderbüchern zu streichen.
Suza reagiert: „Siehste. Genau das meine ich. Ist ja jetzt nicht so, dass man zur Aufmunterung auf eine lustige, heitere Welt gucken kann, wenn es einem trüb um die Seele ist. Da draußen ist ja noch viel mehr Driss als in meinen Gefühlen.“
Ich nicke verständnisvoll, obwohl Suza definitiv gerade die süßen, putzigen Tiervideos auf youtube vergisst, die einen immer zum Schmunzeln bringen, und bin mit meinem Latein auch am Ende. Aus der Stimmung kriege ich Suza heute nicht mehr raus.
Mein letzter Versuch gestaltet sich wie folgt: „Suza, du kannst vor deinen Gefühlen, Gedanken, dir selbst nicht fliehen. Nimmste immer alles mit. Sogar nach Timbuktu oder Bielefeld. Vor allem und den anderen kannste auch nicht wegrennen. Andere sind immer da, sprechen dann nur anders. Und schon gar nicht vor der Zeit. Halte es aus. Denn du weißt selbst, das wird vorübergehen. Wetten?“
Suza sieht mich an und ein klitzekleines Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie reicht mir ihre Hand und geht die Wette ein. Jetzt stehe ich unter Druck. Hoffentlich habe ich recht. Wir schweigen wieder. Hubert am Nebentisch auch. Ich sehe Suza an, Suza mich und nickend sind wir uns einig, dass wir das nicht aushalten müssen. Ich überlasse meiner Freundin den Vortritt:

Suza dreht sich zu Hubert und schreit herüber: „Hubert! Wir wissen, dass in Afrika Kinder verdursten. Müssen wir das aus Solidarität deswegen auch?!“ Hubert zuckt zusammen und ich freue mich über die ethisch wie moralisch völlig unkorrekte Äußerung von Suza, denn das ist bei ihr meistens das erste Zeichen für Besserung.

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