Die Eier der Hasen

Nachdem Suza, eine Million andere Bürger der Stadt und ich einen ausgiebigen Osterspaziergang gemacht haben, um zu demonstrieren, dass wir dieser Tage total entspannt, gechillt drauf sind und Zeit haben, Spaziergänge zu machen, sitze ich mit Suza in der Limobar.
Auf dem Tisch liegen unzählige bunte Eier. Miniaturausgaben von Hühnchen, Küken, Hähnchen und Häschen umrunden eine kleine Glasvase mit gelber Narzisse, die den Kopf hängen lässt.
Suza guckt mich ob meiner letzten Aussage ungläubig an und da Hubert gerade unsere Getränke bringt, nutze ich die Chance, um meine Theorie zu festigen. „Hubert, wo packst du dir als erstes hin, wenn du morgens aufwachst?“
Hubert sieht mich schräg an. In seinem Hirn scheint es zu rattern. Aber vermutlich nicht, weil die Frage zu unverschämt ist, sondern weil die Antwort wohl auf der Hand zu liegen scheint, denn er antwortet voller Überzeugung: „Na, an die Kronjuwelen. Natürlich.“
Ich nicke bestätigt und konfrontiere Suza mit einem Siehste!-Blick. Sie schüttelt den Kopf und ich schmücke aus:
„Also. Überleg mal, was für ein Stress das gewesen sein muss. Da wird man durch die Straßen getrieben und alle Leute buhen einen aus. Und da standen vermutlich viele Menschen. Sehr viele. Was ein Lärm allein. Das ist schlimmer, als wenn du als Fußballspieler von ’nem ganzen Stadion ausgebuht wirst. Du denkst, dass keiner dich mag, obwohl du doch meinst, immer gut zu allen gewesen zu sein. Und dann hängste am Ende des Weges da rum und guckst auf die Menschen und denkst: Mann, Mann, Mann, was für doofe Menschen! Dann begraben sie dich, hast endlich deine Ruhe – denkst du. Aber: drei Tage später musste wieder raus. Allein der körperliche Stress und von der ganzen psychischen Belastung will ich gar nicht reden. Horror. Und jetzt nehmen wir Huberts Aussage dazu: Auferstehungen sind wissenschaftlich nicht so gut erforscht. Heißt: wenn ein Mann schon nach dem Aufstehen in die Eier greift, dann ist es doch logisch, dass er sie nach einer Auferstehung erst recht zuerst einmal sucht. Und da man davon ausgehen kann, dass es recht kalt da sechs Fuß unter der Erde gewesen sein wird – war ja auch noch nicht Sommer – hat er vielleicht nicht gefunden, was er suchte. Er steht also auf und geht erst mal frische Luft schnappen. Oben ist es bestimmt auch wärmer. Wie nach ’ner Vollnarkose, war der wahrscheinlich aber ziemlich benebelt und sieht auf dem leeren Feld bunte Hasen. Manche sehen auf Droge rosa Kängurus im Himmel, er halt bunte Hasen auf Rasen. Leicht verwirrt folgt eine Übersprunghandlung: er greift sich erneut in den Schritt und findet nun, was er suchte.
Ziemlich schnell findet er dann aber raus, dass Vattern leider das Kommando zur Himmelfahrt noch nicht gegeben hat. Der Jung darf also noch nicht nach Hause und muss sich weiter mit den Menschen rumtreiben. So, und überleg mal: Der konnte Wasser in Wein verwandeln! Der wird nicht nüchtern gewesen und sicher daher auf die Idee gekommen sein, den gutgläubigen Menschen mal seine Auferstehungs-Drogen-Geschichte unter sie Nase zu reiben.
Dass sie daraus so ’ne Art Gesetz machen, ist ja nicht sein Problem. Dann sollen sie halt bis in alle Ewigkeit denken, dass man an Ostern Eier suchen muss, die der Hase gebracht und versteckt hat. Dumm, doofe Menschen, die wir nun mal alle sind.“

Suza scheint meinen Monolog noch ein wenig zu verinnerlichen, bevor sie antwortet: „Das ist das Bescheuertste, was du jemals von dir gegeben hast.“
Ich sehe das anders: „Beweis‘ das Gegenteil!“
„Mone, letztes Jahr hast du behauptet, dass Hühner mit Ostern zu tun haben, weil Jesus voll der Schuss war und all die Hühner – du sagtest auch ‚Chicksen‘- an seinem Grab standen und als er raus krabbelte, es zu einem großen Kreischkonzert kam. Und weißt du was: deswegen ist hier mein Ostergeschenk für dich!“
Suza kramt in ihrer Tasche und findet ein Buch, was sie mir vor die Nase auf den Tisch knallt. Die Bibel.
„Ach, das“, sage ich, „das lässt aber alle Interpretationen offen. Ich denke, das ist so ’ne Sender-Empfänger-Geschichte.“
Suza lächelt: „Kommunikation ist wohl immer eine Sender-Empfänger-Geschichte. Aber bei deinem Weltempfänger im Hirn sind auch manchmal absichtlich alle Knöpfe auf Rauschen gestellt! Verrücktes Huhn!“

Ich schmunzle Suza an und gebe ihr als Dank für das Geschenk einen Kuss auf die Wange. Vielleicht lese ich ja mal rein in dieses Buch. Vielleicht auch nicht. Aber da denke ich später drüber nach, denn jetzt steht Hubert vor uns mit einem Angebot: “Mädels?! Jetzt ‘nen Eierlikörchen?” Wir sehen uns an und schütteln den Kopf.
„Ich fürchte, das können wir uns gerade nicht vorstellen. Tschuldigung, meine Schuld“, gestehe ich ein. Hubert nickt und trinkt im Weggehen die zwei Gläser selber aus.

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