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Das Fenster zur Straße

Seit geschlagenen 13 und gefühlten 478 Minuten sitze ich Suza gegenüber und lausche ihren Worten. Also, ich versuche es zumindest. Sie ist sehr aufgebracht und ich versuche, ihr Zeichen zu machen, dass sie vielleicht eventuell nicht so laut sprechen sollte, weil die Tischnachbarn im Biergarten der Limobar immer wieder rüber schauen. Suza spricht schnell und hektisch und zwischendurch wischt sie sich immer wieder den Schweiß von der Stirn:
“ … Um 8 Uhr 32 hat er den Deal am Telefon abgeschlossen, dann hat er eine Zigarette geraucht und mit jemandem gesprochen, der ihn über das Telefon leicht wütend gemacht zu haben schien. Er hat immer wieder wiederholt, dass das keine Option wäre und dass er nicht am verabredeten Treffpunkt sein würde. Irgendetwas stimmte mit der Bezahlung nicht. Als nächstes, um 8 Uhr 47, hat er einer weiteren Person mitgeteilt, dass „die Mission“  abgesagt sei, sie sollen die Sachen wieder zurück ins Lager bringen. Das nächste Telefonat war wohl eher eines privater Natur: Sein rechter Hoden juckt seit drei Tagen und ist auf der Unterseite wohl ganz rot. Während er das erzählte, kratze er sich die ganze Zeit an seiner linken Brustwarze und rieb sich den nackten Oberkörper. Scheinbar empfahl ihm sein Telefonpartner, zum Arzt zu gehen. Dann betrat eine Frau den Raum und sie hatten ausgiebigen Sex.“
Jetzt unterbreche ich Suzas Redeschwall, weil ich gar nicht weiß, ob ich das alles wissen will: „Suza, ich möchte nicht mit einer Stalkerin befreundet sein!“
„Aber ich habe nicht geguckt“, erwidert sie. „Ich habe dem Höhepunkt nur akustisch beiwohnen müssen. Schlimm genug; morgens um viertel nach neun. Und dann, halt dich fest, schrie die Frau kreischend und es gab einen lauten Knall.“
Ich stelle meinen Kopf erstaunt schief und hebe fragend die Arme: „Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“
Suza tut, als hätte ich den Verstand verloren: „Bist du irre. Dann machen die mich doch fertig!“
„Und was hast du stattdessen getan?“, frage ich neugierig.
Suza antwortet resignierend: „Der Knall war wohl die Haustür und zu dem Zeitpunkt habe ich mir die Decke über die Ohren gezogen, was aber nicht lange ging, weil es viel zu heiß ist für Kopf unter Decke dieser Tage.“
Ich nicke und bin mir nicht sicher, was die Lösung für dieses Problem sein soll. Suza erkennt die Frage in meinen Augen und spricht: „Ich werde einfach warten bis der Herbst da ist und die Menschen wieder die Fenster schließen müssen. Der Typ lebt einfach am offenen Fenster und ich will das alles nicht hören. Das ist genauso schlimm, wie die lautstark telefonierenden Handy-Freaks in der Bahn, auf der Straße, in den Cafés. Man sollte Telefone wieder an die Leine hängen! Und das Schlimmste ist, dass ich mich in meiner Privatsphäre verletzt fühle. Das ganze Leben dieses komischen Nachbarn scheint in meinem Schlafzimmer stattzufinden. Akustisch.“
Ich nicke verstehend: „Tja, wir sind halt nicht in Berlin. In Köln ist noch nicht einmal die Breite Straße eine breite Straße und das Haus gegenüber nur in Kirschsteinspuckweite entfernt.“
„Das bringt mich auf eine Idee“, wirft Suza ein: „Wenn ich eh immer die Tauben auf dem Dach mit Kirschkernwürfen vertreibe, könnte ich vielleicht vom Balkon der anderen Hausseite aus, die Kerne ungesehen über den Giebel und auf den Nachbarn werfen! Als Nebeneffekt könnte das als Video zum viralen Hit werden oder zumindest olympisch!“
Ich muss schmunzeln, weil ich die Idee gar nicht so abwegig finde. „Weißt du, Suza, sieh es positiv: In dieser Stadt ist alles eng und nah beieinander. Das bedeutet aber auch, dass der Wirt immer in Deiner Nähe ist.“ Suza lächelt und hebt zwei Finger mit einer minimalen Handbewegung  in die Höhe. Hubert steht nur einen Meter entfernt, sieht das und verschwindet in der Limobar.

Als Hubert uns kurze Zeit später zwei neue Getränke vor die Nase stellt und das unaufgefordert als Doppelte und mit doppelter Eiswürfelmenge, greift sich Suza sofort die Dekokirsche vom Glasrand, wirft sie in den Mund, spuckt den Kirschkern wieder aus, in die Hand und steckt ihn in ihre Hosentasche. Dann zwinkert sie mir zu und wir stoßen an.

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