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Eier

Suza sitzt in der Limobar und hält sich an der Tischdeko, einem kleinen Blumentöpfchen mit Narzisse, fest, als könne diese Blume sie wärmen. Es ist tatsächlich erstaunlich kalt in der Kneipe. Ich nehme an, Hubert hat die Heizung schon abgedreht, weil er das da draußen, so kurz vor Ostern,  für Frühling hält. Als Suza mich sieht, springt sie auf und umarmt mich lange und herzlich. Ich traue dem Frieden nicht, so körperlich eng anhänglich ist sie eigentlich nicht. Ich frage sie: „Du wärmst dich an mir!?“
Sie grinst. Und nickt. Dann führt sie mich zum Stuhl, drückt mich auf ihn, setzt sich direkt neben mich und vergräbt ihre Hände in meiner Jackentasche: „Die Welt ist kalt“, sagt sie.  „Die Welt scheint in Aufruhr, unruhiger als je zuvor“, denke und sage ich.
Suza führt meinen Gedanken weiter: „Zumindest kommt es uns so vor.  Wir fühlen uns in Gefahr und schüren selbst das Feuer. Guck mal auf Facebook oder irgendsonst wo Menschen Kommentare hinterlassen können: Schreibt einer, er vertraue auf unsere Demokratie, schreibt der Nächste, dass haben sie 33 auch getan und sich obendrein über die tollen Reiseangebote der KDF gefreut.“
Ich hake ein: „Naja, die AfD verschenkt keine Kreuzfahrten.“
„Ja, naja, noch nicht!“ Jetzt kommt Suza in Fahrt und ihre Stimme wird merklich lauter:
„Du musst politisch sein, du musst deine Meinung über Facebook kundtun, sonst gehörst du nicht dazu. Sogar im Gegenteil: Sonst wirst du sicher für einen dummen Mitläufer gehalten und dir wird vorgeworfen, du hättest keine Eier!“
Ich mag es nicht, wenn meine Freundin mit ihrem Mund so nah an meinem Ohr so laut wird, also versuche ich, sie durch eine Art Ablenkung vom Thema abzubringen:
„Aber es hat auch Vorteile. Schneller als durchs Radio, übers Fernsehen oder aus der Zeitung, du weißt es am ehesten über Facebook, falls eine Mauer um Sachsen-Anhalt gebaut wird.“ Doch ich fürchte, Suza geht es nicht um Soziale Netzwerke:
„Du darfst dich gar nicht hinsetzen, locker durch die Hose atmen und darauf vertrauen, dass das Übel auf ganz andere Ebene wegignoriert werden wird. Du musst laut toben und schreien und unbedingt darauf aufmerksam machen, dass du das persönlich nicht duldest. Und dann gibt es da diesen einen: Der eilt zur Hilfe und beatmet den Nazi wieder, der sich beim Angriff auf das Asylbewerberheim vor lauter Dummheit selbst schwer verletzt hat. Dieser eine rettet dem Rechten das Leben, er fragt nicht nach, er guckt nicht auf die Hakenkreuztattoos, er weiß sogar vielleicht, dass der Angreifer mehr als drei Menschen getötet hat und rettet ihm trotzdem das Leben. Dieser eine hat Eier! Und weißt du warum? Weil sein Handeln vollkommen unpolitisch ist!“
Ich verstehe: „Ja, weil er den hippokratischen Eid geleistet hat.“
Suza nickt und fährt fort: „Und dann weißt du doch nicht mehr, welches Recht über welchem steht. Wirf nicht den ersten Stein, wenn du im Glashaus sitzt?! Wir sind doch alle gleich! Und solange die Rechten die Minderheit sind, darf ich diese doch nicht diskriminieren! Minderheiten diskriminiert man doch nicht!“ So langsam wird Suzas Rede sehr laut. „Und dieser Arzt muss doch wahnsinnig werden. Ich würde irre werden. Ich würde aus purem Frust, einem unbeteiligten, kahlköpfigen Türsteher auf dem Nachhauseweg einfach auf die Nase hauen. Oder darf man Türsteher nicht mehr sagen? Habe darüber noch nichts auf Facebook gelesen. Heißt es jetzt Einlassassistent oder so?! Und was ist mit den Grundrechten? Was ist mit dem Recht auf ein Getränke in einer Kneipe?“

Wir blicken uns beide zur Theke um und Hubert lugt vorsichtig hinter der Kühlschranktür vor. Dann kommt er zu uns rüber und sagt: „Das war sehr laut. Und laut ist aggressiv und aggressiv ist beängstigend!“
„Siehste“, sagt Suza, „laut sein heißt nicht Eier haben und du bist nicht feige, nur, wenn du nicht schreist.“
„Nen Doppelten?“ Hubert bleibt sich treu.
Ich lehne ab und versichere, dass wir nun lieber über etwas anderes reden. Suza bestellt ein großes Heißgetränk, ich schließe mich an. Bis Hubert die Getränke gebracht hat schweigen wir. Dann umgreifen wir, die Wärme genießend, unsere Gläser und Suza sagt, fast flüsternd: „Die Welt ist kalt.“
Ich antworte prompt, genauso leise: „Nicht mehr lange und der Frühling bringt uns Wärme.“

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