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Kindergarten der Kommunikation

Ende April und noch immer müssen wir uns in den miefigen Innenräumen der Kneipen verstecken, statt uns öffentlich in den Biergärten der Republik präsentieren zu dürfen.
Meine Laune ist mies als ich die Limobar betrete. Das Wetter, die Menschen, die Kommunikation … und Suza hat es mal wieder geschafft, mich noch vor 8 Uhr an diesem Morgen zur Weißglut gebracht zu haben.

Sie weiß es genau und dennoch tut sie es, allein um mich zu ärgern: Um viertel nach 5 schickte sie mir eine Kurznachricht mit dem Inhalt „Huhu“.  Mein Handy ist nachts an. Falls es doch mal einen Notfall geben sollte, gehöre ich tatsächlich zu denen, die nachts erreichbar sind und helfen könnten. Warum auch nicht. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der niemand auf die Idee gekommen wäre, mitten in der Nacht einfach mal über das Festnetz anzurufen, um dringend ein „Huhu!“ übermitteln zu wollen.
Heute sind die Menschen der modernen Welt alle und zu jeder Zeit mit dem Handy beschäftigt, schaffen es nicht einmal mehr, während eines anständigen Essens im Lokal oder eines Films im Kino das Gerät Gerät sein zu lassen. Aber nachts verweigert man dann jegliche Erreichbarkeit, doch kommt trotzdem seinem Mitteilungsbedürfnis nach, wenn einen die Blase zwischen 4 und 5 schon mal zu Toilette treibt. Schnell schon mal die Kommunikation anstoßen, damit man morgen dran denkt. Das ist der neue Egoismus.
Ich mag es nicht, wenn Menschen von sich auf andere schließen: „Wenn mein Handy nachts aus ist, dann ist es das der anderen sicher auch.“ Und wenn man schon unbedingt schreiben muss, kann man dann nicht wenigstens eine Information übermitteln? Warum nicht um halb zehn am Morgen: „Hallo Mone, heute Abend um 19 Uhr in der Limobar? Biste dabei?“ statt: „Huhu“/“Na“/“Wach?“/“Was machste so?“/“Gerade“/“Antworte ma!“/“Lass doch ma später quatschen.“/“Wegen heute“/“Abend“/“Vielleicht inne Limobar“/“Ma gucken.“/“Hallo?“ … 13 mal „Peep“ zwischen 5 Uhr 14 und 9 Uhr 03.

Mit einer Miene wie drei Tage Regenwetter gehe ich zu unserem Tisch und setze mich wortlos Suza gegenüber. Sie müsste jetzt eigentlich grinsen, weil sie genau weiß, wie sehr mich ihre „Neckerei“ getroffen hat. Sie grinst nicht.
„Was?!“, frage ich.
Sie schweigt. Ich schaue sie an und sie verzieht keine Miene. Ich habe keine Ahnung, was das nun wieder soll. Vielleicht ist sie sauer auf mich. Allerdings könnte das nur daran liegen, dass ich ihr gegen 11 Uhr die Nachricht schickte: „Dumme Pute! Muss das sein? Können wir das mal ein für alle mal klären? Bin um 19 Uhr in der Limobar.“ Ich frage sie, ob das der Grund für ihr Schweigen sei oder ob ich sonst noch irgendetwas angestellt hätte. Sie schweigt weiter.
Ich sage: „Ich warte.“ Und das tue ich dann auch. Dabei stelle ich mir vor, dass Hubert mir eine leckeres Getränk bringt, was mir das Warten versüßt. Tut er aber nicht. Als ich zu ihm herübergucke, sieht er schnell weg. Was ist hier los?
Ich gehe zur Bar und bestelle eine Limo, die mir Hubert wortlos vor die Nase knallt.
„Hubert?!“ Ich bin nun schwer irritiert.
Immerhin antwortet er: „Das, was du da gemacht hast, das macht man nicht. Nicht die feine Art!“
„Was?“, murmle ich. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Huberts Problem ist. Ich kann ihn auch nicht fragen, weil er mir demonstrativ seinen Rücken zudreht. Ich schüttle den Kopf und gehe zurück zu Suza. Ich setze mich und schlürfe langsam mein Getränk. Dabei sehe ich meine Freundin an. Bestimmt eine halbe Stunde sitzen wir so. Ich weiß, dass Suza eher zu den Ungeduldigen gehört, daher wird sie irgendwann mit der Sprache rausrücken und ich habe recht, sie spricht: „Und? Wie findeste das?“
„Bescheuert, Suza! Was soll das ganze Affentheater hier und was hast du Hubert erzählt?“
Nun grinst sie voller Siegessicherheit und klärt mich auf: „Ich habe was ausprobiert!“
„Was?“ Meine Laune sinkt langsam auf Erdmittelpunktniveau herab und ebenso heiß wie dort fühlt sich meine Wut an, die gleich vermutlich laut explodieren wird, wenn Suza jetzt nicht ganz schnell raus rückt mit der Sprache, in was für einen Quatsch sie mich nun wieder gezogen hat. Sie liest in meinem Gesicht, dass der Spaß nun offensichtlich vorbei ist:
„Ich habe ausprobiert, ob das cool ist, was mittlerweile immer mehr Menschen zu machen scheinen.“ Mit einer Geste gebe ich Suza zu verstehen, mir nun zu unterbreiten, was sie meint. Sie fährt fort: „Ist mir jetzt ein paar mal passiert: Ein Freund beschuldigt dich einer Sache, erzählt es auch noch völlig falsch weiter, so wie ich Hubert, konfrontiert dich dann damit und wenn du die Sache richtig stellst bzw. darüber ins Gespräch kommen willst, weil du dich da nicht ganz richtig verstanden fühlst, dann hüllt sich der Freund in Schweigen. Komplett. Total. Kein Wort mehr. – Kennste das nicht?“ Ich gucke Suza völlig konsterniert an. Sie fährt fort: „Scheint die neue Art der Kommunikation zu sein. Ich finde, jetzt wo ich das an dir getestet hab: Das funktioniert gut! Ich ignoriere dich einfach weg und wir müssen überhaupt nicht darüber reden, ob du das doof fandest, dass ich dich geweckt habe und du mich Pute nanntest. Cool, oder?!“
Ich finde das überhaupt nicht cool und komme mir vor wie im Kindergarten. Ich kann das gar nicht glauben, was hier gerade passiert. Ich fühle mich spontan getestet, verarscht, ausgenutzt, verhöhnt und wie der letzte Trottel. Also wenn das die neue Kommunikation ist: Huhu-Chats statt Informationsübermittlung und Schweigen statt Klärung von Dingen, dann bin ich raus. Dann gelte ich ab jetzt offiziell zur alten Generation und schreibe aus Protest nur noch handgeschriebene Briefe. Wütend und enttäuscht stehe ich auf und verlasse auf dem kürzesten Weg die Limobar. Vermutlich gucken mir Suza und Hubert nach, aber wenn sie das hier geklärt haben wollen, dann auf die erwachsene und altmodische Art. Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen. Und schon gar nicht etwas tun, nur weil  die anderen es auch tun. Das habe ich schon im Kindergarten gelernt!

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