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Leben

Ich sitze in der Limobar. Hubert steht neben mir. Er hat Fragen: „Wo wart ihr?“; Warum habt ihr nicht mehr diesen Blog geschrieben?“
Eigentlich wäre mir die Frage nach dem, was ich trinken mag lieber, aber nun gut …:
„Wir haben gelebt, Hubert, wir haben gelebt … Die Zeit vergeht so schnell.“
Hubert scheint mit dieser Aussage nicht ausreichend zufrieden:
„Der Blog?“, fragt er grimmig.
„Muss man denn immer alles aufschreiben? Mittlerweile ist man cooler, wenn man keinen Blog schreibt. … Und wo wir gerade drüber sprechen .. vielleicht ist man auch bald cooler, wenn man den Sonnenuntergang genießt, statt 246 Mal fotografiert. …“
Hubert grumpft, als Suza den Raum betritt. Sie setzt sich nach einer kurzen Begrüßung mir gegenüber auf ihren Stammplatz und hat ebenfalls Fragen: „Was soll ich tun, wenn du bald stürbest?“
Oh. das ist eine der tougheren Fragen. So für einen Konversationseinstieg … Ich fühle mich minimalst überrumpelt, versuche aber folgende Antwort:
„Stürbest? Wenn ich bald stürbe, dann könntest du dich freuen, dass du endlich deine Ruhe hättest.“
Suza schmunzelt. Die Antwort überrascht sie nicht, aber das ist nicht das, was sie hören will, fürchte ich. Sie bedrängt mich weiter, während Hubert sich nun einfach ungefragt zu uns an den Tisch setzt und mich ebenfalls erwartungsvoll ansieht:
„Nein, ernsthaft! Stell dir vor, du würdest sterben. Kann ja sein. Vielleicht bald. Manche sterben früher, andere zu spät – oder umgekehrt. Und dann hast du vielleicht keine Zeit, mir mehr irgendetwas zu sagen. Und ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, was ich noch für dich tun soll. Und dann lässt du mich zurück und ich muss das hier alleine weiter machen. Das alles hier. Das Leben.“
Da ich sehe, dass Suza es wirklich ernst zu meinen scheint, bemühe ich mich verlegen um Aufrichtigkeit: „Ich habe dir gesagt, such dir jüngere Freunde!“
„Mone!“ Suza ist nicht amüsiert und sieht mich eindringlich an. Eine Weile sehe ich ihr in die Augen und auf ihre zusammengekniffenen Lippen. Ich gehe noch einmal in mich, stelle mir vor, dass ich ganz bald sterbe und sage das:
„Wenn man sich vor Augen führt, dass wir alle – absolut alle – sterben werden, fühlt sich vieles, was man tut, sehr nichtig an. Wenn es also nichtig ist, kann der Sinn nur sein, sehr bewusst, stets in der Gegenwart, zu leben. (Gerade haben sie heraus gefunden, dass Menschen am Ende meistens bereuen, sich zu viele Sorgen gemacht zu haben. Und Sorgen sind Gedanken über eine Zukunft, die noch nicht eingetroffen ist.)“
Suza mag es nicht, wenn ich in Klammern rede, daher sehe ich nun auch etwas Unmut in ihrem mir aufmerksam folgenden Gesicht. Schnell fahre ich fort:
„Auch wenn man sich an circa die ersten drei Jahre seines Lebens gar nicht erinnert und ein Blackout während eines zünftigen Vollrausches auch mal drin sein darf. Wenn die, die dem Tod von der Schüppe hüpfen, berichten, dass sie empfangen werden, und es immer wieder Menschen gibt, die sich an ein Leben vorher zu erinnern scheinen, dann ist das, was wie so wichtig nehmen – uns und unser Leben – vermutlich nichts gegen das, was es  drumherum noch gibt. Wenn ich stürbe … bin ich halt weg – irgendwie. Wird sicher kein großes Problem für mich sein. Wenn es nicht die klassische „Eingeschlafen-und-nicht-mehr-aufgewacht-Variante“ ist, dann kannst du mich ein bisschen bemitleiden, aber das schaff‘ ich schon. Haben schon ganz andere geschafft.  Gibt gute Drogen dafür in den Krankenhäusern dieser Welt – und die Natur macht mich dann vielleicht eh kirre. – Wir sind doch alle nur Natur und das Leben – im Großen und Ganzen – geht weiter. Wenn ich es gut gemacht haben werde, dann werde ich meinen Teil beigetragen haben. Zum Beispiel, weil ich dich eine Weile begleitet habe und wir sauviel Spaß miteinander hatten. Ich hol dich dann irgendwann ab „da oben“ oder irgendwo. Sterben ist überbewertet und ignoriert zugleich. Entspann dich. Nichts musst du machen! Ist nicht so wichtig.“
Ich warte auf eine Reaktion, doch Hubert und Suza gucken mich nur mit großen Augen an. Also entscheide ich mich dafür, eine Gegenfrage zu stellen:
Was soll ich tun, wenn du sterben würdest?“
Ihre Antwort kommt prompt: „Das, was du gerade gesagt hast!“ Suza lächelt mich an und hält mir ihre Hand zum High Five hin.
Ich schlage ein und wir sehen beide Hubert an. Wir würden gerne etwas trinken. Also einfach normal weitermachen – solange es noch geht und wir nicht für die jeweils andere mittrinken müssen. Hubert erwacht aus einer Art Schockstarre und spricht: „Mädels, holt euch selber was. Ich muss gerade mal ganz schnell meinen besten Kumpel Herbert anrufen!“
Wir lachen und ich bin froh, dass wir das mit dem Leben und dem Tod mal eben geklärt haben.

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