Alles normal

Ich sitze am Straßenrand und warte. Auf Suza. In der linken Hand, wie in der Rechten, habe ich je ein Glas Limo. Mit dem Fuß schiebe ich ein Stöckchen vom einen Kopfsteinpflasterstein zum nächsten und zurück. Als ein Auto vorbeikommt, ziehe ich die Füße ein. Es ist das erste Auto innerhalb der halben Stunde, in der ich nun hier hocke. Ich denke, dass Suza unbedingt etwas an ihrer Pünktlichkeit tun muss. Die hat in letzter Zeit wirklich schwer nachgelassen. Dann sehe ich sie um die Ecke biegen und in meine Richtung schlendern. Ob sie lächelt, weil sie mich sieht, kann ich aus der Entfernung nicht beobachten. Sie trägt eine Gesichtsmaske.

Als sie fast vor mir steht, zieht sie ihre Maske ab und lässt sich neben mir nieder. Jetzt lächelt sie mich zum Gruße an, greift eine Limo und wir schweigen eine Weile.
Dann halte ich die Ruhe nicht mehr aus und sage:
„Wo wir gerade darüber reden: Wie war dein Tag?“
Suza schlürft in Ruhe noch einen Schluck von ihrem Getränk.
„Normal“, antwortet sie dann. Und schweigt wieder. Erwartungsvoll werfe ich nun meinen Blick auf sie, so dass sie ihn spüren kann und sie das dazu veranlasst, endlich ins Plaudern zu kommen. Es funktioniert:
„Ich war im Baumarkt. Also im Pflanzenmarkt. Ich habe mir eine neue Yucca-Palme gekauft. Als ich dann so da stand und durch die Pflanze vor meinem Gesicht der Abstand von Menschen definitiv gewährleistet war, fiel mir ein, dass ich unbedingt noch eine neue Zwischenlegscheibe brauche …“
Ich sehe sie schief an. Keine Ahnung, wofür sie eine Zwischenlegscheibe braucht. Aber ich frage nicht nach. Ich betrachte es für die Geschichte als nicht relevant. Ich bin gespannt, was sie mir eigentlich erzählen will. Sie fährt fort:
Also habe ich mich drei Meter weiter vor den Übergang zum Baumarkt gestellt, mein Telefon genommen und dort angerufen. Zehn Minuten später hatte ich dann einen Termin und konnte über die Schwelle zum DIY-Paradies treten.“
Ich ziehe die Augenbraun hoch. Keine besonders interessante Geschichte, aber ich verstehe den Punkt. Sie berichtet weiter:
„Dann bin ich rausgegangen, vom Parkplatz runter, habe meine FFP2-Maske abgezogen und die Stoffmaske aufgezogen, durch die ich besser atmen kann. Durch die zehn Minuten Wartezeit war ich zu spät und habe die Palme einfach mitgenommen und neben mich auf die Parkbank gestellt, wo Steffi und Babs auf mich gewartet haben.“
Jetzt werde ich hellhörig und es kommt sofort übertrieben empört aus mir heraus:
„Oh jemineeee: Dann wart ihr ja drei Haushalte!“
Suza schüttelt beruhigend den Kopf:
„Nein, nein. Babs stand 50 Meter von uns entfernt.“
„Wieso 50? Das ist aber schon ein wenig übertrieben?!“
„Ne. Sie stand an der Ausgabe vom Click & Collect vom Imbiss und musste arbeiten. Wir haben uns da Essen geholt, sind 50 Meter zur Bank gegangen und haben sie dann angerufen, das Telefon auf Lautsprecher neben uns gelegt und ab und zu herüber gewunken … „
Suza schweigt wieder eine Weile.
„Aha“, sage ich.
„Dann musste ich in die Uni, weil ich eine Vorlesung hatte.“
„Ok. Da finden doch gar keine statt gerade.“
Suza atmet einmal schwer ein und aus und erklärt:
„Mein Computer zuhause spinnt. Ich habe den Unirechner benutzt, um mich online einzuloggen, um das Seminar geben zu können. In der Uni war fast kein Mensch. Bis auf die zehn bis zwanzig Studenten, denen es wohl so ging wie mir. Ach ja, und: Im Treppenaufgang saß noch der Prof. Wegener. Sein W-Lan zuhause ist kaputt. Er hat sein Seminar da abgehalten. Auf den breiten, kalten Treppen ist das Uni-W-Lan bekannterweise am besten.“ Sie macht kurz eine Pause, dann schmunzelt sie: „Meine Studierenden haben gedacht, die Palme wäre ein computergenerierter Hintergrund. War sie nicht …“
„Hm“, ist das Einzige, was mir dazu einfällt.
„Auf dem Rückweg wollte ich dann kurz in der Fußgängerzone stehen bleiben, weil dort jemand phänomenal Geige spielte. Also nicht so nervig, sondern richtig gut und ich habe so lange keine echte Musik mehr gehört. Dann habe ich gesehen, dass ein anderer die Leute mit den Worten „Das dürft ihr nicht!“ hastig von der Straße gezogen hat und in eine Wohnung, wo sie über die Fenster dem Geiger zuhören konnten. Den habe ich erkannt. Das war der Schauspieler aus dem Tatort, den wir letztens zusammen gesehen haben. Erinnerst du dich?“
Ich nicke.
Plötzlich hören wir Geschrei. Ein paar Meter von uns entfernt brüllt eine Frau einen Jugendlichen an, weil er keine Maske aufhat. Dieser versucht sich zu erklären, indem er ihr sagt, dass auf der großen Straße Maskenpflicht sei, aber er doch schon um die Ecke herum wäre und nun, wenn auch nur 20 Zentimeter weit, aber dennoch, auf der Straße stünde, wo es keine Maskenpflicht gäbe. Die Frau beruhigt sich nicht. Das könnte aber auch daran liegen, dass der Jugendliche jetzt zurück keift und der Frau sagt, was er davon halte, dass sie zwar eine FFP2-Maske trüge, aber mit Ventil. Unsozialer und egoistischer könne man ja wohl nicht sein!
Suza und ich sehen uns an und blenden die Szene aus. Ich frage sie: „Wo ist die Palme?“
„Die habe ich vor das verwaiste Reisebüro gestellt. Irgendwie fand ich für den Moment, dass es das Richtige sei. Dann hat man das Gefühl von Urlaub, wenn man dort vorbeigeht.“
Ich muss etwas lächeln und gleichzeitig den Kopf schütteln:
„Also ganz schön absurd das alles, oder?“
Suza verneint:
„Alles normal. Der Tag hätte auch der gestrige sein können. Oder der davor oder davor und davor oder der davor …“
Dann ist es wieder still und ich beginne erneut das Stöckchen von einem Stein zum anderen zu schieben.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der wir unseren Gedanken nachjagen, sagt Suza ganz leise:
„Absurd wäre, wenn du im Krankenhaus wärest und ich nicht zu dir könnte. Wenn ich nicht da sein dürfte, nicht bei dir wäre, wenn es dir schlecht ginge. Nur weil das Gesetz es sagt.“
Ich gehe sofort in eine überraschende Abwehrhaltung. So sentimental kenne ich Suza nicht. Es sprudelt aus mir heraus:
„DAS ist absurd! Wieso denkst du das? Also ehrlich: Wieso denkst du, dass ich dich bei mir haben will, wenn es mir schlecht geht?“
Ich sehe sie an, will breit grinsen, doch die Mimik wollen meine Lippen nicht mitmachen, als ich sehe, dass Suza eine Träne über das Gesicht rinnt. Schnell nehme ich sie in den Arm und halte sie ganz fest.
Dann hören wir aus 50 Metern Entfernung Hubert, der vor seiner Limobar steht, zu uns herüberschreien:“
„Ey, seid ihr ein Haushalt?“ Er lacht sich dabei kaputt. Wir müssen auch lachen. Suza wischt sich die Tränen aus den Augen und schreit zurück:
„Das geht dich einen feuchten Scheißdreck an! Bring lieber zwei Doppelte raus, damit du nicht pleite gehst! Ich bin in zwei Sekunden bei dir, um sie abzuholen!“
„Scream and collect“, denke ich, als ich Suza nachblicke, wie sie zum Eingang der Limobar hinüberrennt. Wie gut, dass wir uns haben … In diesen Zeiten … und in den normalen auch.

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