Endlich wieder Eier

Ich bin höchst empört. Mit schwungvoller Kraft stoße ich die Tür zur Limobar auf. Die drei Gäste, die in Ruhe den Tag und Feierabend genießen und friedlich an den Tischen vor ihren Getränken sitzen, bekommen einen Schreck und zwei von ihnen werfen sich spontan unter den Tisch, weil sie einen Amoklauf vermuten.
Suza dreht, recht entspannt, den Kopf und lächelt mich an. „Na?!“, fragt sie. Mir ist nicht nach „Na?!“ Ich knalle die Zeitung, die ich in der Hand habe, auf den Tisch und donnere los: „Suza! Wir hatten eine Vereinbarung! Wir wollten nicht mehr, dass das, was wir denken, reden und tun, in der Öffentlichkeit auftaucht! Das machen die Smartphones, intelligente Lautsprecher und was weiß ich was noch automatisch, wenn sie uns abhören! Und was machst du? Du veröffentlichst einen Artikel in der Zeitung! In der Zeitung!“ Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen und sehe Suza an. Ich schüttle fassungslos den Kopf. „Und dann auch noch so einen Artikel. Der kann dich den Kragen kosten!“
„Quatsch“, erwidert Suza, „für so einen Artikel muss man Eier haben!“
Die anderen Gäste sehen neugierig zu den zwei Frauen hinüber. Ich bemerke das, greife die Zeitung und lese laut vor:

Jesus hatte Eier
Die Ostergeschichte muss umgeschrieben werden

Glosse

Der kleine Joschua kann es immer noch nicht fassen, was da gerade bei ihm zuhause los ist. Ständig klingelt das Telefon. Journalisten stehen vor dem Haus oder kratzen an der Tür. Pilger versperren den Schulweg und sein Vater hat ihn am Vortag einfach aus dem Zimmer geschickt, weil ein Mann in weißer Kutte und rotem Mützchen unbedingt mit seinen Eltern spreche wollte. Und dabei hat er, der schüchterne Junge aus dem Dorf Vögelsen in Niedersachsen, doch nur ein paar verschrumpelte, alte Kügelchen entdeckt. Hinterm Haus beim Spielen fielen sie ihm in die Hände und der Fünfjährige fand sie schön. Also steckte er sie zu den Schokoladeneiern ins Osterkörbchen, was seine Mutter liebevoll dekoriert hatte.
Nun ist es aber so, dass der kleine Joschua nicht irgendetwas gefunden hat. Die Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig, die Kirche rotiert. Der Fund des kleinen Jungen sind Jesus Christus‘ Hoden und das ist mehr als eine Sensation. Dr. Anna Eutener, Molekularbiologin an der Universität Köln, bekommt immer noch Schnappatmung, wenn sie an ihre forensischen Untersuchungen denkt: „Ohne jeden Zweifel, das ist das Skrotum von Gottes Sohn! Durch die Mumifizierung lässt sich die DNA eindeutig zuordnen.“
Der Papst hat nach seinem Gespräch mit Joschuas Eltern bereits ein erstes Statement abgegeben. Er freue sich außerordentlich über den Fund, könne doch nun die Behauptung der evangelischen Kirche, die Eier zu Ostern hätten mit der allgemeinen Fruchtbarkeit aller oder des Hasen oder sonst irgendwelchen absurden Zusammenhängen zutun, widerlegt werden. „Die Eier zu Ostern hat Gott uns geschenkt, so dass sich die Menschheit stets werde daran erinnern können, dass sein Sohn gestorben sei, eben weil er Eier hatte! Sie sind nun unwiderlegbar wahrhaftig geworden, lasset sie uns lobpreisen und an Ostern verehren.“
Marianne Blücher-Kurzwitz, ihres Zeichens Vorsitzende des Heidenheimer Heidenvereins e.V., widersprach dem Papst vehement: Die Eier würden Ostern nicht verändern. Der Papst sei ein seniler, alter Mann, der seine eigenen Eier schon lange nicht mehr gesehen habe und solle sich lieber einmal darum kümmern, kundzutun, was Jesus wirklich zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt gemacht habe. 40 ungeklärte Tage. „Wird der Papst erst mit der ganzen Wahrheit rausrücken, wenn man Jesus‘ Kondome und Bierdeckel endlich findet?! Erwachet!“
Hannelore Hoppe, die Vorsitzende des deutschen Hasenzüchterverbandes, ist dagegen nur noch durch blanke Panik gezeichnet. Was wenn die Eier die Hasen zu Ostern ersetzen? Früher war alles besser und die Vorstellung, Hoden zu verehren, passt der gläubigen Katholikin gar nicht so recht.

Joschua hätte gerne einfach nur wieder seine Ruhe. Hätte er die Eier doch nie in den Korb gelegt. Hätte sein Vater doch nie da reingebissen und sich daraufhin fast übergeben und gefragt, was das wohl sei. Für den kleinen Jungen sind Eier, Hasen, Ostern und die ganze Religion doch eh egal. Hauptsache es gibt Geschenke!

Der Gast, der eben noch unter dem Tisch lag, applaudiert zurückhaltend. Seine Frau ist empört. Hubert gesellt sich zu uns und fragt: „Nen Doppelten?“ Wir antworten simultan: „Ne, wie immer, bitte!“ Hubert nickt und geht zurück zur Theke. Ich sehe Suza erwartungsvoll an. Sie blickt zurück, lächelt und sagt: „Was? Es ist nur ein Zeitungsartikel. Morgen wickeln Menschen ihren Fisch darin ein!“ Ich überlege. Und dann weiß ich, dass ich wieder mal einen Blogbeitrag schreiben sollte. Das Netz vergisst nicht. Das ist doch auch schön!

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