Gute Gründe gibt es nicht

Der Januar ist zur Hälfte rum und wie jedes Jahr sitze ich um diese Zeit Suza gegenüber und habe ihr eine – und immer dieselbe – Frage gestellt. Ich warte auf ihre Antwort und sehe dabei zu, wie Hubert die Weihnachtsdeko abhängt und durch Karnevalsgirlanden ersetzt. Den ein oder anderen Osterhasen stellt er auch schon einmal auf. Seine Begründung dafür: „Die Zeit rennt. Dieses Jahr will ich mich von ihr nicht überholen lassen!“
Suza holt einmal tief Luft und beginnt mit der Antwort meiner Frage, indem sie die Frage wiederholt, was jeder tut, der sich seiner Antwort noch nicht so ganz sicher ist:
„Warum ich das Dschungelcamp gucke?“

Ich korrigiere sie, meine Frage war: „Kannst du mir dieses Jahr endlich mal richtig erklären, warum du das Dschungelcamp guckst?“ Und ich ergänze: „Ich meine, du bist jetzt nicht direkt so ’ne Dummbratze. Eher auf der leicht gebildeten Seite, bildest dir sogar ein, intelligent zu sein. Ich habe gerade einen Artikel darüber gelesen und das muss der letzte Dreck sein.“
Suza sieht mich an: „Du liest Artikel darüber? Das würde mir im Leben nicht einfallen! Das ist pure Zeitverschwendung. Ist doch klar, was da berichtet wird. Immer das gleiche Gelaber über das, was offensichtlich ist.“ Sie klopft sich mit der flachen Hand vor die Stirn, um mir zu signalisieren, wie beschränkt ich bin. Dann fährt sie fort:
„Hast du Herr der Fliegen geguckt? Oder Das Experiment?“
Ich antworte etwas genervt, weil ich ahne, worauf sie hinaus will, bin allerdings auch sehr gespannt, wie sie da jetzt die Verbindung herstellen will: „Ich habe die Bücher gelesen.“
Suza verdreht sie Augen: „Natürlich. Die Bücher! Und worum geht es? Darum, zu zeigen was Menschen machen, wenn sie in Extremsituationen gesetzt werden. Im besten Fall in Gruppen. Es entstehen gruppendynamische Muster, die wissenschaftlich untersucht, Aufschluss über uns Menschen geben.“
Ich stelle fest, dass jetzt mein Mund offen steht. Schnell schließe ich ihn und sehe mich um, ob mich jemand gesehen hat. Das muss sehr dümmlich ausgesehen haben. In etwa so, wie bei einem Dschungelteilnehmer, der gerade erfährt … nein, einfach so wie bei einem Dschungelteilnehmer, der atmet. „Wirklich? Das vergleichst du? Ins Camp setzen sie zwölf Vollhonks, die dem Voyeurismus der Masse ausgesetzt werden!“
Suza stellt den Kopf leicht schief und rückt das Osterhäschen aus Billigporzellan auf dem Tisch ein wenig zur Seite. „Ich interessiere mich für Menschen und dafür, wie sie funktionieren. Für alle Menschen. Jeden Tag habe ich mit genau solchen von ihnen zu tun, die zwar nicht im Dschungel sind, aber aufgrund ihres Intellekts sein können! Allein die Popularität fehlt ihnen, um angefragt zu werden! Deswegen gucken das auch so viele Leute. Weil sie sich damit identifizieren. So oder leider so.“
Ich kontere, mein Gesicht wird gefühlt langsam rot vor hervorschießender Pikiertheit: „Ja, eben! Das ist ja noch viel schlimmer, dass diese Individuen unserer Spezies mit dem, wie sie sind, eine Art Bekanntheit erreicht haben und über dieses Format noch mehr davon bekommen. Das ist furchtbar!“
Suza überlegt kurz bevor sie antwortet: „Kennst du Die Truman Show? – Gibt kein Buch dazu, soweit ich weiß.“ Sie grinst mich frech an. Ich grumpfe leise, bevor ich nickte. Suza spricht weiter:
„Die Produktion manipuliert die Dschungelteilnehmer aufs Ärgste! Und nicht nur die. Sie beeinflussen die Zuschauer, allein dadurch, dass sie entscheiden, was sie wann von wem zeigen. Sie können innerhalb kürzester Zeit einen Kandidaten auf ein Sympathielevel heben, um ihn im nächsten Moment wieder fallen zu lassen. Sie steuern die Camper genauso wie die, die vor der Glotze hängen. Wenn das nicht spannend ist, weiß ich auch nicht. Medienwissenschaft. Ich interessiere mich nicht dafür, was die komplett austauschbaren Figuren da über ihre trivialen bis tristen Lebenswege erzählen. Zumindest nicht in dem Moment. Und auch nicht danach. Aber er reizt mich, zu analysieren, was die Aussagen für Konsequenzen haben. Wie stellt was, wen vor den anderen dar und wie beeinflusst es die Gruppendynamik. Sozialforschung!“
Medienwissenschaft … Sozialforschung … Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Suza ergänzt:
„Außerdem mag ich die Zwischeneinblendung von dem Frosch, der einen Schreck kriegt, als ihm ein Regentropfen auf den Kopf tropft!“ Sie grinst und sieht mich an. Wir trinken schweigend von unsern Limos, das Unverständnis in meinem Gesicht kann ich nicht verbergen. Suza fügt nun etwas hinzu, was mich verwundert:
„Ich gucke es gar nicht mehr wirklich. Weiß du warum? – Ich habe den Mechanismus ja jetzt langsam verstanden. Aber ich finde es nicht akzeptabel zu sehen, wie jemand von den Kaspern über Würmer krabbeln muss und diese dabei zerquetscht. Das wird dem armen Wurm nicht gerecht. Ok, wenn sie irgendwelche Endausgänge irgendeines toten Tieres essen müssen, läuft es ja vielleicht noch unter dem Nachhaltigkeitsansatz Nose to Tail. Aber das Tottreten von Insekten darf nur aus Versehen passieren. Wenn Insekten die Nahrung unserer Zukunft werden soll und sie gerade eh sterben wie die Fliegen, dann müssen wir dem Insektenexitus auch entgegenwirken, indem wir sie nicht grundlos zermatschen!“
Jetzt fällt mir tatsächlich nichts mehr ein. Immerhin freut es mich, dass Suza ihre wissenschaftliche Arbeit in Form ihrer ganz persönlichen Gedanken über dieses Format nach 14 Jahren abgeschlossen zu haben scheint. Hoffentlich wird sie nicht rückfällig, denke ich, als ich sehe, wie sie Hubert herbeiwinkt.

Hubert kommt mit altem Lametta und neuen Luftschlangen um den Hals zu uns an den Tisch. Suza hat eine Frage an ihn: „Wie heißt der Tequila mit dem Wurm drin?“
Hubert antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Mezcal!“
„Wunderbar“, erwidert Suza, „davon nehmen wir gleich zwei!“
Hubert sieht uns etwas verwirrt an, doch nickt er und dreht sich stehenden Fußes um, damit er Suza den Wunsch erfüllen kann. Ich sehe sie eindringlich an:
„Du hast echt ’nen Knall!“
Sie schmunzelt: „Ich weiß.“

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